Gisela von Wysocki

DER HINGESTRECKTE SOMMER

Prosa
(Suhrkamp Verlag)

Der hingestreckte Sommer von Gisela von Wysocki

Es gibt Geschichten, die sich als Fundstücke erweisen. Unbemerkt, gewissermaßen undercover, setzen sie sich im Gedächtnis fest. Oder es trifft uns ihre Strahlkraft von außen wie ein Blitzschlag. Auf einmal treten sie uns aus nächster Nähe vor das Auge, werden aufrüttelnde, irritierende Gegenwart. „Vitrinen“, „Die ruhelosen Wörter“, „Menschen und Blitze“ und „Écrit d’après la nature“, so heißen die vier Abschnitte des Buches. Ein Kind lernt das Lesen und sieht seinen Hund in ein jämmerliches Buchstabenbündel verwandelt. Marlene Dietrichs Nachlaß stellt sich als überraschend befremdlich heraus. Ein Meeresschwimmbecken wird für eine am frühen Morgen dort Badende zu einem spukhaften Schauplatz, dabei ist das unbekannte Tier, das auf dem weit entfernten Beckenrand sichtbar wird, von kaum erkennbarer Kleinwüchsigkeit. Alles dies lebt, hat seine Wirklichkeit, greift über auf uns, die wir nach Worten suchen.

MAGAZINRÄUME

(Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek)

Betrachtet man ihre abgetragenen Schuhe, das Schiefgelaufene, dann glaubt man nicht, dass es die von Marlene Dietrich sind. Sieht man sich diese abgewetzten Seidenpumps an, die Wanderschuhe, seitlich von Steinen gestreift. Und Sohlen, durch Pfützen gelaufen, durch Sand, Staub und Zweige. Hineingetreten, hängengeblieben. Schaut man sich diese Reißverschlüsse an, den Leopardenmantel aus Samt mit den eingenähten Schweißblättern, den Abdruck der Hände, Hauttemperatur, abgelegt auf dem überempfindlichen Gewebe, im Schwarz eines Kleides von Madeleine Vionnet. Dann erkennt man die Spuren des Auf-der-Welt-Seins wie Blut im Gefüge der Adern, wie Herzschlag, wie Summton im Innenohr. Gespeichert, hingetupft in eine Textilie und dort für lange aufbewahrt…

(Aus: „Vitrinen“)

Stimmen

Von Wysocki schreibt Sätze und Geschichten, in denen man für immer verweilen möchte. Die Sprache ist ihr eine Verbündete in der Begegnung mit der Unfaßbarkeit der Welt, und man ist sehr dankbar, lesend an diesem Bündnis teilhaben zu dürfen. (Kathrin Witter, Literarische Welt)

Ihr neues Prosabuch sprengt die Linearität des Erzählens, fächert die Darstellung auf zu einem leuchtenden Mosaik aus Prosatexten. Skizzen, Mikroerzählungen, Portraits. Bereits in den ersten beiden Stücken werden die Motive von musikalischem Genie und menschlicher Vergänglichkeit zusammengeführt. Ausgehend von diesen memento-mori-Geschichten schildert Wysocki prägnante Urszenen. (Michael Braun, Tagesspiegel)