Gisela von Wysocki

DIE FRÖSTE DER FREIHEIT

Aufbruchsphantasien

Essays
(Europäische Verlagsanstalt)

Der Philosoph Georg Simmel beschrieb in seinem Aufsatz Weibliche Kultur die besondere „Anmut“ und „Schönheit“ der weiblichen Bewegungen. Sie seien an Räume gebunden, in denen es „nichts mehr zu erobern gibt“, meinte er. Die Frauen, von denen hier die Rede ist, nehmen Anstoss an dieser Idee der Anmut in begrenzten Räumen. Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, Marieluise Fleißer, Sylvia Plath, Unica Zürn und Marguerite Duras, entdecken mit dem „eigenen Zimmer“ das Eigenleben einer Sprache, die ihre anarchischen, bilderreichen Welten zum Ausdruck bringt. Marlene Dietrich, Greta Garbo, Sarah Bernhardt und Hedy Lamarr finden im Film und auf der Bühne zu Darstellungsweisen, die den gefährdeten und verwegenen Status der Frauen zur Erscheinung bringen.

(Aus: Dramaturgien des Unbewußten. Über Marguerite Duras) Körper, gekleidet, umgekleidet, sie sind da, ohne wirklich zu sein. Eher sieht man Körperposen zu: unbeweglichen und übertriebenen Haltungen, unkontrollierten, unfreiwilligen, ungesteuerten Reaktionen. Die Bewegungen stehen unter dem Gesetz der Verlangsamung. Hélène Cixous verglich die Romanfiguren von Marguerite Duras mit „einer Art sehr schwarzer Sonnen“; Schwere und Undurchsichtigkeit verdichten sich zum Pathos. Es sind erscheinende, plastisch gearbeitete Geister; Kunst-Volumena, weit davon entfernt, ihre Leser, ihre Betrachter einzuladen, sich ihnen zu widmen. In den abgewandten Körpern arbeitet eine Energie des Dramatischen: versteckt unter Trivialem, unter der matten und nachlässigen Erscheinung des Gewohnheitsmäßigen.

Stimmen

Ein Beispiel dessen, was heute unter dem Aspekt weiblicher Kreativität untersucht wird: hier wird nicht nach dem Gesetz des logischen Zugriffs gearbeitet, sondern mit dem Rhythmus der Intuition. (Inge Nordhoff, Stuttgarter Zeitung)

Diese Texte sind subversiv. Sie zeigen, durch ihre Frauengestalten hindurch, die Kälte einer Gesellschaft, die es den Menschen aufzwingt, „frieren zu lernen“. Die Signatur dieser Gestalten ist die der Moderne. (W. Martin Lüdke, Frankfurter Rundschau)

„Marieluise Fleisser, emigriert aus der Grossstadt, sesshaft geworden in Ingolstadt, schreibt Geschichten aus dem Alltagsleben der Provinz in der Sprache der Metropolenfrau“. Das nie überwundene Provinzielle, Ingolstädterische in Marieluise Fleissers Person und Poesie wird mit solchen Sätzen glanzvoll geleugnet. Aber Gisela von Wysocki schreibt ja auch: „Ich stelle mir dieses Leben vor.“ Ihre Texte sind keine Rekonstruktionen, sondern Imaginationen; Entwürfe von Frauen, nicht deren Abbilder. (Verena Auffermann, Süddeutsche Zeitung)

Diese ausserordentlichen Essays zeigen weibliche Deserteure. Texte, die einem den Atem nehmen. Von weiblichen „Aufbruchsphantasien“ erzählt das Buch. Viel wichtiger aber: es ist selber eine. An Scharfsinn und Sprachmacht sind diese Essays denen der Susan Sontag ebenbürtig. Die helle Vernunft und der dunkle Zauber sind hier nah beieinander. Gisela von Wysocki liebt Formulierungen, die immer gleich aufs Ganze gehen, und so schreibt sie manchmal Schlusssätze schon im ersten Abschnitt. (Benjamin Henrichs, DIE ZEIT)