Gisela von Wysocki

DIE FRÖSTE DER FREIHEIT

Essays

Die Texte dieses Buches verstehen sich als Beschreibungen von Aufbrüchen, als Protokolle der Überschreitung. Es sind „Prozessakten“ weiblicher Renegatinnen. Das Patriarchat erarbeitete sich ein homogenes Bild der Welt, das ist seine geschichtliche Leistung. Das, was „innen“ war, subjektive Fähigkeit, durfte zu Häusern, Brücken, Autos, Schiffen werden. Es durfte zur Schrift werden, zum Manifest, es zauberte Mythen, Bedeutungen hervor, ließ sie zirkulieren, altern, ersetzte sie durch neue. Der Philosoph Georg Simmel beschrieb in seinem Aufsatz Weibliche Kultur die besondere „Anmut“ und „Schönheit“ der weiblichen Bewegungen. Er erklärte sich diese Eigenart damit, dass sie an Räume gebunden seien, in denen es „nichts mehr zu erobern gibt“. Die Frauen, von denen hier berichtet wird, haben diese schöne Idee des begrenzten Raumes verletzt: Zeichenbildnerinnen einer Geschichte, in der es für sie keine Möglichkeiten gab, Wurzeln zu schlagen. Die weibliche Schrift ist, wie Virginia Woolf schrieb, an keine Freiheit „gewöhnt“: die Frau muß erst ganz zur Fremden werden in dieser Arena der männlichen Siege.
Die Neuausgabe der 1981 erschienen Veröffentlichung enthält Essays über Marieluise Fleißer, Unica Zürn, Sylvia Plath, Leni Riefenstahl, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Marguerite Duras, Sarah Bernhardt, Hedy Lamarr.

Pressestimmen

Ein Beispiel dessen, was heute unter dem Aspekt weiblicher Kreativität untersucht wird: hier wird nicht nach dem Gesetz des logischen Zugriffs gearbeitet, sondern mit dem Rhythmus der Intuition. (Inge Nordhoff, Stuttgarter Zeitung)

Diese außerordentlichen Essays zeigen weibliche Deserteure auf den Grenzlinien zwischen Reflexion und Poesie, zwischen Erzählung, Essay und Prosagedicht. Texte, die einem den Atem nehmen. Von weiblichen „Aufbruchsphantasien“ erzählt das Buch. Viel wichtiger aber: es ist selber eine. An Scharfsinn und Sprachmacht sind diese Essays denen der Susan Sontag ebenbürtig. Die helle Vernunft und der dunkle Zauber sind nah beieinander in diesen Texten. (Benjamin Henrichs, Die Zeit)

„Marieluise Fleißer, emigriert aus der Großstadt, sesshaft geworden in Ingolstadt, schreibt Geschichten aus dem Alltagsleben der Provinz in der Sprache der Metropolenfrau“. Das nie überwundene Provinzielle, Ingolstädterische in Marieluise Fleißers Person und Poesie wird mit solchen Sätzen glanzvoll geleugnet. Aber Gisela von Wysocki schreibt ja auch: „Ich stelle mir dieses Leben vor.“ Ihre Texte sind keine Rekonstruktionen, sondern Imaginationen; Entwürfe von Frauen, nicht deren Abbilder. (Verena Auffermann, Süddeutsche Zeitung)

Diese Texte sind subversiv. Sie zeigen, durch ihre Frauengestalten hindurch, die Kälte einer Gesellschaft, die es den Menschen aufzwingt, „frieren zu lernen“. Die Signatur dieser Gestalten ist die der Moderne. (W. Martin Lüdke, Frankfurter Rundschau)