Gisela von Wysocki

ABENDLANDLEBEN

oder Apollinaires Gedächtnis

Sonderpreis der Kranichsteiner Literaturtage
Theaterpreis der Autorenstiftung Frankfurt

Aufführung Schauspielhaus Basel (1999). Regie: Jossi Wieler. Bühne: Franziska Rast. Musik: Wolfgang Siuda. Mit Sebastian Blomberg, Iris Erdmann, Anne Weber

1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wird der Soldat Guillaume Apollinaire von einer Granate getroffen. Eine Schädelbohrung ermöglicht es ihm, mithilfe eines hochgeklappten Spiegels, auf das eigene Gedächtnis zu blicken, auf den Plan und Ausbau einer ihm fernstehenden Gattung. Das Stück versammelt die Bewohner eines weltweit gewordenen Musée de l’homme. Descartes, Zarah Leander, Anna O., eine Patientin Sigmund Freuds. Kopie, Legende, Mixtur, an denen sich beispielhaft das Leben der EUROPI zeigt

Irgendwann stellte ich fest, dass ich nur noch Theaterstücke las. Witold Gombrowicz, Richard Foreman, Heiner Müller. Gleichzeitig arbeitete ich an einem Essay über Guillaume Apollinaire. Dabei stieß ich bei ihm auf die Worte, „das Flugzeug landet, ohne die Flügel zu schließen“. Das war sie, die Moderne: der Engel war zum Flugzeug, zu einem Gerät geworden. So konnte man beginnen, dachte ich. So könnte sie aussehen, die poetische Phantasmenentlarvung.

Pressestimmen

Unter anderen treten als EUROPI Descartes und Lenin auf. Es scheint, als kämen sie aus großer Ferne: um uns von dort aus vor Augen zu führen, wie sehr wir selber, unausweichlich, Gefangene unseres Weltblicks sind. (Eberhard Leube, Bulletin international des études sur Apollinaire, 19e année, Troisième série, Avril 1991)

Ein Stück erscheint auf der Bühne, das Botho Strauß geschrieben haben könnte, hätte er mit Humor über sich nachgedacht. (Elke Schmitter, DIE ZEIT)

Gisela von Wysocki liefert einen vielstimmigen, rasant geschnittenen Textkörper. Das voll aufgeklärte Bewusstsein, das nichts Wildes, Abseitiges mehr zu verarbeiten hat, stirbt seinen eigenen Kältetod. Jossi Wieler liebt das Menschentheater zu sehr, um es der grausamen Erinnerungsmechanik von Apollinaires Hirn preiszugeben. (Christine Richard, Basler Zeitung)

Ein Stück ohne Handlung. Es wird dem Regisseur nicht leicht gemacht. Jossi Wieler versuchte es nun in Basel und zog sich dabei recht achtbar aus der Affäre. Vielleicht vermochte Gisela von Wysocki gerade durch das Bruchstückhafte ihres Textes den Nerv unserer Zeit zu treffen. (Berthold Hänel, Schwarzwälder Bote)

Als Wesen des Okzidentalen dieses Jahrhunderts identifiziert die Autorin den Spieler, den Imitierenden, den „geschmückten Barbaren“. Wirklichkeit, gesehen als Spielcasino. Das Rollen der Roulettekugel geht über in das Grollen der Bombardements des Ersten Weltkriegs. (Adi Sollberger, Neue Mittellandzeitung, Aargau)

Ein Text, der mit Leerstellen und Illustrationen spielt, seine Figuren vervielfältigt und aufspaltet, sprechen lässt und bespricht. Ein heftiger, ausladender Bilderfluß, von deutlich sich überlagernden Strukturen gehalten. (Verena Stössinger, Der Bund, Bern)

Zwölf Jahre lang wagte sich kein Regisseur an Gisela von Wysockis erstes Bühnenstück. Ein Endspiel der müden, alten Welt, in dem mit dem Sinn auch die Form zerbrochen ist. (Martin Halter, FAZ)

Wysockis Stück ist ein gewaltvoller Bühnenessay. Es ist schlicht unmöglich, es aufzuführen. „Transparenz statt Opulenz“, fordert sie für die Uraufführung: eine Ermunterung zum Mutigsein angesichts der überschäumenden Natur ihres Menschheitsdramas. (Ulrich Herrmann, Frankfurter Rundschau)