Gisela von Wysocki

FREMDE BÜHNEN – Mitteilungen über das menschliche Gesicht

Prosa

Das Gesicht, ein Haut- und Knochenwerk. Gemeißelt, auskomponiert. In seiner Materialität liegt Gestisches gespeichert, in seiner Erscheinung etwas Anonymes. Die Beziehung zum eigenen Gesicht ist die Beziehung zur eigenen Theatralität. Es heißt, sich auf ein Phantasieobjekt einzulassen. Einerseits seine Präsenz, andererseits sein gefühltes Inkognito. Nicht leicht, es in den Griff zu bekommen. Als Metapher, als historischer Raum? Als Körperleben, Schicksal, ästhetisches Ereignis? Als Haut? Die Portraits dieses Buches sind als Versuche einer Lesbarmachung zu verstehen: von Motiven, Einfällen; von plötzlichen Entdeckungen emotionaler Dunkelzonen.
Die „Physiognomiker“ dieses Buches kommen vor allem aus Frankfurt, Berlin und Wien. Die Begegnungen fanden in großen und kleinen Küchen statt, in Kaffeehäusern, Hotelzimmern, in Hochhäusern und Gartenhäusern; in Fluren, auf Parkplätzen und in fahrenden Zügen.

Rund siebzig Personen haben Gisela von Wysocki Rede und Antwort gestanden: Schriftsteller und Anthropologen, Schauspieler, Finanzmanager, Telefonisten, Verleger und Modeschöpfer. Das europäische Gesicht ist der ewigen Frage verpflichtet: Wer bin ich? Wer bin ich nicht? Das japanische Gesicht, „voll von Oberfläche, leicht wie ein Schiff, ohne Tragik und Tiefe“ will Atmosphäre ausstrahlen. Gedanken, bekenntnishaft und poetisch-assoziativ, weit ausholend, als stünde das Gesicht fürs Ganze und alles auf dem Spiel. (Ilma Rakusa, manuskripte, Graz, Heft 130)

Pressestimmen

Sie schreibt nicht mit Distanz, sie schreibt mit Haut und Haaren. Im Inneneinband des Buches sind die siebzig Gesichter als kleine Paßbildchen abgebildet. Keines von ihnen möchte man näher kennenlernen. Die Wortmasken der Gisela von Wysocki sind ja wohl schöner, witziger, tragischer, manchmal auch böser als die Gesichter, denen sie abgenommen wurden. Man fragt sich mit dem im Buch auftretenden Kunstwissenschaftler („geb. 1955, lebt in Dublin und Paris“): „Hat Gott ein Gesicht?“ Hätte er eines, wäre er bei Gisela von Wysocki in besten Händen. (Gerhard Stadelmaier, FAZ)

Die Autorin, die mit ihren Essays, Prosagedichten und Bühnenwerken als avancierte Grenzgängerin zwischen den Gattungen firmiert, begreift das menschliche Gesicht als fremde Bühne, die sie gewissermaßen durch die Hintertür betritt. Was so entstand, ist ein Destillat – archetypisch und individuell, imaginär und real gleichermaßen. (Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung)

Männer entlarven sich selbst und merken es gar nicht einmal. Frauen spielen, suchen, stellen Fragen. Sie schminken ihren Mund „gefräßig“, mimen den Clown. Sie fragen sich, wie das Leben hätte verlaufen können, etwa mit blauen Augen? Anders auf jeden Fall. (Christoph Neidhart, Die Weltwoche, Zürich)

„Schwierig, über das eigene Gesicht zu sprechen. Man hat es nicht gelernt“, so bekennt eine der Stimmen. Und doch kommen sie alle dann schön in Fahrt, stockend manchmal, widerwillig vielleicht, aber unüberhörbar süchtig, vernarrt in dieses Abbild, Zerrbild, diesen Schutzschild, den sie alle durch die Welt tragen. (Reinhard Baumgart, Die Zeit)

Wäre hier pausenlos von „meinem Mund“, von „meinen Augen“, die Rede gewesen, es hätte diese Gespräche in eine andere Textsorte verwandelt, vielleicht in eine Beichte. Aber der emphatische Kunstsinn, der hier regiert, will andere lesbare Gesichter. Er möchte „Fremde Bühnen“ bespielen. Die Gesichtserzählungen ziehen sich von „Ich“ und „Du“ zurück wie das Meer bei Ebbe und Flut. (Claudia Schmölders, Frankfurter Rundschau)