Gisela von Wysocki

WEIBLICHKEIT UND MODERNITÄT Über Virginia Woolf

Essay

Man möchte heute den Frauen lieber den „bösen Blick“ wünschen, mehr Egoismus, Wachsamkeit und Kühnheit als den tapfer bewältigenden Arm. Diese Religiosität des Weiblichen verletzt eine Schriftstellerin wie Virginia Woolf in mehr als einer Hinsicht. Sie entwaffnet die traditionelle Programmatik in mehr als einer Hinsicht: mit dem offengelegten Risiko-Level der Texte, mit dem Éclat einer ungemäßen, von keinem Ebenmaß zusammengehaltenen Sehweise. Und mit einer Sprache, die nicht aus einem Jenseits der Kultur, sondern aus Zwischenräumen kommt. Nicht alternativ, sondern verschoben um jene Nuance an Sinn und Empirie, an Begrifflichkeit, die die Wörter erhitzt, sie zum Taumeln bringt, zu Fremdkörper werden lässt. Sprache, die redet; zerredet. Imitatorisch, parodistisch. Ihre Übergenauigkeit öffnet den Blick. Sie peinigt den Leser, attackiert ihn mit mit isolierten Wörtern wie mit Steinen.

In der Sprache Virginia Woolfs haben sich familiale, kulturelle und historische Schichten zu einer besonderen Struktur verdichtet. Sie ist der Gegenstand der Analyse Gisela von Wysockis. Einmal heißt es, Virginia Woolf beschreibt das Gewebe der Menschen und Dinge, nicht ihr Skelett. Nicht ihr Rückgrat, nicht ihre ‚Substanz’, sondern das, was an ihnen veränderlich, beweglich, zerbrechlich ist“. (Birgit Volmerg, PSYCHE)

Knappe 135 Seiten hat Gisela von Wysocki über Virginia Woolf geschrieben – und der kleine Band ersetzt schwere Wälzer. Der Text funkelt von Formulierungen, die den Leser zum Mitdenker und – warum nicht? – zum Widerspruchspartner machen auf der Suche nach der Wahrheit über Leben und Werk Virginia Woolfs. Sie hat, so heißt es in dem Essay, „dem Leser ihre Dichtungen in der Kürzelschrift der Realität zugeworfen, in der Erwartung, daß er sie deuten möge“. (Rolf Michaelis, Die Zeit)

Eine Autorin, deren kühler Verstand Wissenschaft mit eigener, lyrisch-experimenteller Sprache füllt. Auch hier gehört ihr Herz wieder einer der Deserteurinnen: Virginia Woolf. Der Blick der Wysocki geht stets in die noch so kleine Pore Haut, gräbt sich ein. Faules Blättern nützt hier nichts! (Anna Rheinsberg)

Die Autorin schildert eingehend die vielfältigen Einflüsse, die dazu führten, daß Virginia Woolf „das Unversöhnbare und den Widerspruch als Reichtum des Realen“ zu erfassen suchte. Gisela von Wysockis Studie bezaubert durch Genauigkeit der Sprache, durch scharfe, plastische Bilder und durch eine Leichtfüßigkeit des Stils, die die Kärrnerarbeit vergessen lässt, ohne die klare Prosa nicht möglich ist. (Renate Wiggershaus, Frankfurter Rundschau)