Gisela von Wysocki

PETER ALTENBERG

Bilder und Geschichten des befreiten Lebens

Essay

Bis heute hat es Altenbergs Werk nicht geschafft, im Diskurs der „literarischen Öffentlichkeit“ präsent zu sein. Etwas an ihm hat seine Übersetzung in kulturelle Codes verhindert, hat es ausgeschlossen aus „Verstehensprozessen“, aus dem Rahmen von Verbalisierung und Kommunikation. Was Theodor W. Adorno über Franz Schrekers Musik sagte, ihr fehle kompositorische „Bestimmtheit“ und die Arbeit der entwickelnden Variation, ließe sich – übertragen auf den literarischen Kontext – an Altenbergs Dichtungen zeigen. Das Prinzip seines Parlando proklamiert den „Zustand einer unruhigen Ungewissheit“. „Es tönt in Dir gis, ais, ces, be“, nichts drängt hier nach dem erlösenden Akkord.

Mit dieser Lust am Missklang, mit dieser Fähigkeit für das Chaos und damit für den kosmopolitischen Zustand der Gesellschaft, entscheidet sich Altenberg für die im Anbruch der Moderne noch denkbaren, noch vorstellbaren neuen Wege des Ich. Seine Dichtungen lsen sich heute als Dokumente aus der Geschichte des Subjekts. Sie weisen auf eine sich differenzierende „Seele“, auf eine neue, hochkomplexe Individualität. Ihre Rhetorik, sprachlich, gestisch, „physiologisch“, ist der Motor der Altenbergschen Prosa. Sie hat wohl am weitestgehenden erkannt, dass genau diese nervöse Zersplitterung ein Potential, eine Macht des Ich bedeutet. So gesehen, stellen Altenbergs moderne SubjektKünstler heute eine Provokation dar. Intelligenzen, die sich für nichts verschwendet haben; in ihrer Fixierung auf ein „Jetzt“, das in der Wirklichkeit keine Fortsetzung fand.

Pressestimmen

Eine Studie, ohne die Spur einer pedantischen Methodik, eher schon als „Dichtung“ über Dichtung, sehr wienerisch in ihrer souveränen Essayistik, die Arbeit außerdem ganz unmissverständlich nicht nur die einer Frau, sondern einer, die selbst im Ambiente der Sprache lebt. (W. Paulsen, Modern Austrian Literature, Vol. 22 No.2)

Gisela von Wysocki versucht, Altenbergs „Rätsel“ zu lösen, ohne das Rätselhafte, das es ausmacht, zu zerstören. In behutsamer Darstellung, mit einer fast zärtlichen Sprache werden die Konstellationen beschrieben, in den sich dieser skurrile Wiener Sonderling so selbstverständlich fremd bewegte. Sie umkreist Altenberg, in seiner Epoche, bildhaft genau, ohne auf die Einsichten der Sozialgeschichte und Ideologiekritik zu verzichten. (W. Martin Lüdke, Die Zeit)

Kein repräsentatives Portrait, es zeichnet sich eine Figuration ab, in der sich Altenberg bewegt hat oder haben könnte, gemäß seinem und dem Motto des Buches: „Bewege Dich, so wirst Du schön“. Das Unbrauchbare ist Potential, ist Mimesis des Lebens der beschriebenen Personen und Reverenz an das wissenschaftliche Vorbild Walter Benjamin. Verklärungen können ruinös wirken, davon sprach Egon Friedell. Bei Gisela von Wysocki erscheinen sie als Rettung eines männlichen Vorläufers, auch für ihr eigenes Schreiben. Sie bilden eine Brücke zu ihren späteren Befunden in den „Frösten der Freiheit“: von denen Frauen, die aufbrechen, befallen werden. Moderne Risiko-Existenzen, die sich darauf einließen, „keine Illusion mehr zu haben und doch Hoffnung“. (Monika Schattenhofer, Süddeutsche Zeitung)